Technische Daten
| Material | Acrylnitril-Butadien-Kautschuk (NBR) |
| Härte | 70° Shore |
| Farbe | Carbon Black |
| Schnurstärke | 4.0 mm |
| Innendurchmesser | — mm |
| Außendurchmesser | — mm |
| Temperaturbereich | -30 bis 100 Grad |
| Hergestellt in | Deutschland |
| DIN | 3771 |

NBR70 —
der stille Held der Industrie
Er sitzt in deinem Motor, deinem Wasserhahn und der Bremsanlage deines Autos. Warum dieses unscheinbare Material seit 90 Jahren der Industriestandard ist — und wann es trotzdem an seine Grenzen stößt.
Was sich hinter drei Buchstaben und einer Zahl verbirgt
NBR70 klingt nach Laborjargon — ist aber eines der unauffälligsten Wunder der modernen Technik. Die drei Buchstaben stehen für Nitril-Butadien-Kautschuk, einen synthetischen Gummi, der in den 1930er Jahren in Deutschland entwickelt wurde, als die Industrie händeringend nach einem Material suchte, das nicht von Mineralöl zersetzt wurde. Die Zahl 70 ist die Härte, gemessen in Shore A — fest genug zum Abdichten, weich genug zum sauberen Einbau.
Heute, fast hundert Jahre später, ist NBR70 das mit Abstand meistverkaufte O-Ring-Material weltweit. Vom 50-Cent-Wasserhahn-O-Ring bis zur Hydraulikdichtung im Bagger — wo immer Öl, Kraftstoff oder Druckluft abgedichtet werden müssen, kommt NBR70 zum Einsatz.
In rund 90 Prozent aller technischen Dichtungsanwendungen ist NBR70 die erste — und oft auch die richtige — Wahl.
Warum dieses Material so universell ist
Drei Eigenschaften machen NBR70 zum Allrounder. Keine davon ist außergewöhnlich für sich — aber die Kombination ist unschlagbar pragmatisch.
Härte
Spanne in °C
anwendungen
1. Beständigkeit gegen Öle und Kraftstoffe
Das ist das entscheidende Verkaufsargument. Während Naturkautschuk in Mineralöl aufquillt und sich auflöst, bleibt NBR stabil. Der Acrylnitril-Anteil im Polymer ist verantwortlich für diese Resistenz — je höher der Anteil, desto öl-fester der Gummi. Bei NBR70 liegt er bei etwa 33 Prozent — der Sweet Spot zwischen Beständigkeit und Flexibilität.
2. Die ideale Härte für Standardanwendungen
70 Shore A ist eine Art Goldilocks-Härte. Weichere O-Ringe (50–60 Shore) dichten besser ab, lassen sich aber leichter aus Nuten quetschen. Härtere Ringe (80–90 Shore) halten höheren Drücken stand, brauchen aber präzisere Einbaumaße. 70 trifft den Punkt, an dem beides funktioniert — auch bei nicht perfekt gefertigten Nuten.
3. Breiter Temperaturbereich
Von −30 °C bis +100 °C bleibt NBR70 flexibel und abdichtend. Das deckt praktisch jede Außentemperatur, die in Deutschland vorkommt — und die meisten Anwendungen in Motoren, Pumpen und Hydraulikanlagen unterhalb der Verbrennungszone.
Wofür ja, wofür nein
Die Stärken von NBR70 sind klar definiert — genauso wie seine Grenzen. Hier die ehrliche Übersicht.
- Mineralöle, Hydrauliköle, Schmierstoffe
- Kraftstoffe — Benzin, Diesel, Heizöl
- Druckluft und Pneumatiksysteme
- Wasser bis ca. 80 °C
- Pflanzliche und tierische Fette
- Verdünnte Säuren und Laugen
- Propan, Butan, Erdgas
- Aggressive Lösungsmittel — Aceton, Ketone
- Konzentrierte Säuren und Laugen
- Bremsflüssigkeit auf Glykolbasis
- Längere UV- und Ozon-Belastung
- Heißwasser und Dampf über 100 °C
- Polare Flüssigkeiten — Methanol
- Aromatische Kohlenwasserstoffe — Toluol
Die häufigste Fehlanwendung sieht man bei Bremszylindern: Klassische Bremsflüssigkeit (DOT 3, 4, 5.1) basiert auf Glykolether und greift NBR an. Hier braucht es EPDM. Genauso bei Geschirrspülern oder Dampfreinigern — wer NBR im Heißwasserbereich verbaut, ärgert sich nach wenigen Monaten über brüchige Dichtungen.
Wann sich der Wechsel auf andere Materialien lohnt
NBR70 deckt rund neun von zehn Anwendungen ab. Die restlichen zehn Prozent verlangen Spezialmaterialien — und es lohnt sich zu wissen, welches wofür gemacht ist.
EPDM — die Wahl für Wasser, Dampf und Bremsen
EPDM (Ethylen-Propylen-Dien-Kautschuk) ist quasi der Gegenpol zu NBR: schlecht in Öl, hervorragend in Wasser. Heißwasser bis 120 °C, Dampf, Bremsflüssigkeit, Wasch- und Reinigungsmittel — das ist EPDM-Territorium. In Boilern, Heizungen und Geschirrspülern findest du fast ausschließlich EPDM-Dichtungen.
FKM (Viton®) — wenn es chemisch ernst wird
FKM-Fluorkautschuk verträgt fast alles: aggressive Lösungsmittel, Säuren, Kraftstoffe und Temperaturen bis 200 °C. Dafür ist er drei- bis fünfmal teurer als NBR. In der Chemieindustrie, Luft- und Raumfahrt und bei Hochleistungsmotoren unverzichtbar — für deine Wasserpumpe zu Hause Overkill.
Silikon (VMQ) — Lebensmittel und Medizin
Silikon ist temperaturstabil von −60 °C bis +200 °C, physiologisch unbedenklich und FDA-zugelassen. Damit ist es das Material der Wahl für Lebensmitteltechnik, Medizinprodukte und Babyflaschen. Mechanisch ist es allerdings deutlich weicher und weniger abriebfest als NBR.
Was beim Kauf wirklich zählt
Drei Dinge, die den Unterschied zwischen einer dichten und einer leckenden Verbindung ausmachen — unabhängig vom Material.
Die richtige Größe
Ein O-Ring wird über zwei Maße definiert: den Innendurchmesser (ID) und die Schnurstärke (CS). Der Außendurchmesser ergibt sich automatisch — ID plus zwei mal Schnurstärke. Die meisten Standardgrößen sind in der DIN 3771 genormt, was bedeutet: Ein 4,47 × 1,78 mm O-Ring passt in jede Nute, die für diese Größe ausgelegt wurde, egal von welchem Hersteller.
Die Quetschung beachten
Ein O-Ring dichtet durch Vorspannung ab — er wird im eingebauten Zustand zusammengedrückt. Übliche Werte: 10–25 Prozent der Schnurstärke. Zu wenig Quetschung und der Ring dichtet nicht. Zu viel, und der Ring wird permanent verformt und verliert seine Rückstellkraft. Faustregel für statische Anwendungen: 20 Prozent.
Sauber einbauen
Selbst der beste O-Ring versagt, wenn er beim Einbau über eine scharfe Kante gezogen wird. Immer leicht einfetten — mit einem Schmiermittel, das mit dem Material verträglich ist. Bei NBR70 funktioniert silikonfreies O-Ring-Fett oder schlicht ein Tropfen des Mediums, das später abgedichtet wird.
Wenn du unsicher bist: nimm NBR70
Es gibt einen Grund, warum dieses Material seit fast einem Jahrhundert die Werkstatt-Standardausrüstung ist. Es ist nicht das spektakulärste, nicht das resistenteste, nicht das hitzefesteste. Aber es macht in 90 Prozent der Fälle genau das, was du brauchst — zuverlässig, günstig und in jeder erdenklichen Größe verfügbar.
Erst wenn die Bedingungen wirklich ungewöhnlich werden — Bremsflüssigkeit, Dampf, aggressive Chemikalien oder Hitze über 100 °C — lohnt sich der Griff zum Spezialmaterial. Für alles andere gilt: Wenn Öl, Luft oder kaltes Wasser im Spiel ist, ist NBR70 fast immer die richtige Antwort.
Unsere NBR70 O-Ringe entsprechen DIN 3771. Verfügbar in über 300 Standardgrößen — Versand am gleichen Tag bei Bestellung bis 13 Uhr.